Dienstag, 26. Mai 2026

Alltagsunsicherheiten.

Im Hörsaal ist die Luft stickig. Die Sonnencreme an meinen Beinen wird vermutlich einen Fettfilm auf dem Stuhl hinterlassen. Die Vorlesungsfolien zeigen Dissoziationsgleichgewichte der Kohlensäure und carbonatspäzifische pH-Abhängigkeiten. Gelangweilte Blicke auf den Dozenten. Im Moment bin ich hier, aber in meinem Kopf bin ich 8 Jahre in der Zukunft. Träume von einem festen Platz in einem eigenen Büro, mit dem Mineral Set von Lego auf einem festen Platz. Ein fester Platz wäre ein Anfang. Und von mir aus kann es auch das Ende sein. 

Meine Chefs sagen, ich würde Lehre romantisieren. Ich kann ihnen nicht widersprechen, aber ich kann ihnen auch nicht zustimmen. Natürlich würde ich alles anders machen. Ich wäre freundlicher und hilfsbereiter. Damit würde ich niemandem einen Gefallen tun, ist hier das Gerede. Der harte Weg sei manchmal der beste Weg. 
Ich will nicht ins Büro, aber ich will auch nicht nach Hause. Im Büro sitzt mein Kollege, der mich jeden Tag fragt, wann ich mit meiner Arbeit fertig bin, damit er wieder allein im Büro sitzen kann. Also laufe ich in der Uni herrum, als kenne ich mich nicht aus. 

Sitze mit Kommilitonen auf der Treppe vor dem Eingang. Meine Bewerbung für den Mastergang ist frisch ausgedruckt und steckt in meinem Rucksack. Ich will dieses Witzblatt nicht in den Briefkasten werfen, aber ich muss. Aufmunternde Wörter, die ich morgen wieder vergesse, wenn ich sie mir nicht nochmal vor dem Spiegel aufsage. Die Tür hinter uns, geht auf. Du trittst raus. 

Ich weiß, dass du mich gesehen hast, aber nur so tust, als hättest du es nicht. Ich weiß, dass du nervös bist, das verrät mir dein rot angelaufenes Gesicht. Ich weiß, dass du immer an der Bushaltestelle rauchst. Doch du bist neugierig, was ich mit meinen Freunden erzähle, weshalb es nicht lange dauert, bis du dich zu uns stellst und Small Talk übers Wetter anfängst. Ich versuche Blickkontakt mit dir zu halten. Du schaust direkt an mir vorbei. Ich grinse einen Kommilitonen an. Ich weiß, dass du es siehst, und dass es dir nicht gefällt. Denn jetzt schaust du mich an. Ich fühle mich besser, aber ich bereue es sofort. Du versuchst dir nichts anmerken zu lassen, doch dein Gesicht ist eine Spur zu ausdruckslos. Ich weiß auch, dass du denkst, ich gewinne, aber ich schwöre dir, ich habe gerade verloren. Die Luft ist dick. Mein Schweiß läuft mir die Arme runter. Im Moment bin ich hier, aber in meinem Kopf bin ich 8 Jahre in der Vergangenheit. Suche nach dem Weg, an dem ich falsch abgebogen bin, oder eine Tür, die ich nicht geöffnet habe.

2 Kommentare:

  1. Hallo Yara,
    Auch auf die Gefahr hin mich wie ne kaputte Schallplatte anzuhören: starker Text!
    Und wie cool erstmal 'Dissoziationsgleichgewichte der Kohlensäure' und so rauszuholen, was immer das ist. Dissoziation kann ich aber das nicht:)
    Ach ja, diese Spielchen, braucht kein Mensch und dann auch noch bei dieser scheiß Hitze.
    Ist doch schön dass du ein Ziel hast, ich würde gern zumindest Pläne für nächste Woche haben aber das stresst mich.
    Ich glaube, diese Tür 8 Jahre in der Vergangenheit suchen viele Leute.

    Liebe Grüße,
    Silver♡

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    1. Liebe Silver,

      Danke für das liebe Kompliment, ich lese deine Kommentare total gerne.
      Es ist okay, wenn dich das stresst und sich Dinge viel anfühlen, und man braucht auch nicht immer unbedingt irgendwelche Pläne. Bei mir ist es im Moment eher so, dass ich gerne in eine bestimmte Richtung möchte, aber so einen wirklichen Plan habe ich auch nicht.
      Oh ja, die Hitze allein ist gerade schon anstrengend genug für micht. Ich hoffe, du kommst damit besser klar.

      Liebe Grüße,
      Yara

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