Damals – das Wort hört sich an, als sei ich 300 Jahre alt.
Mila sitzt bereits im Hörsaal und zeigt mit dem Finger auf dich. Ein Grinsen auf meinem Gesicht, so ansteckend, dass selbst du lachen musst. Deine blauen Augen schauen mich immer ein wenig zu lange an.
In der Mathevorlesung sitzen wir immer zusammen. Punk-Frisur, du bist viel zu cool, um mein zu sein. Du schreibst unsere Initialen auf den ranzigen Tisch. Mein Herz explodiert. Nächtelanges Schreiben über Übungszettel. Liebesnotizen in Büchern. In der Stadt Hände halten. Nächtelange pseudo-kluge, philosophische Gespräche. Überall, wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten. Aber nicht überall, wo es Schatten gibt, gibt es Licht.
Bevor wir es berechnen konnten, schleicht sich ein Gefühl der Unterschiedlichkeit ein. Unsere Leben sind nicht gleich. „Das Leben ist das, was du daraus machst“, sagtest du mir. „Nein, das stimmt nur fast.“ So gelangten wir auf unterschiedlichen Umlaufbahnen. Du besuchtest Freunde, die in großen Häusern lebten, mit Mehrfachgaragen daneben. Ich saß mit meinen Freunden im Kino. Die Süßigkeiten in unseren Rucksäcken eingeschlichen. – Das Leben ist das, was du daraus machst – oder so ähnlich.
Jetzt - das Wort lässt mich realisieren, dass ich 300 Jahre alt bin.
Es ist nicht fair, dass ich zu Mila Dinge sage wie, dass dein Kleidungsstil nicht deinen moralischen Vorstellungen entspricht. Oder dass ich behaupte, dass dein Witz nicht witzig sei. Unser Chef lacht und legt dir freundschaftlich die Hand auf die Schulter. In unserer Abteilung wird man nicht integriert, man ist ein integrierter Teil des Teams. Ich gönne es dir, weil ich es mir gönne. Stelle mich zu euch. Will flüchtig berichten, wie es lief. Will wieder gehen, als sei nichts gewesen. Unser Chef versucht, ein tieferes Gespräch aufzubauen und dich mit einzubinden. Bei solchen Gesprächen geht es nie um die Dinge, die wir sagen, sondern immer nur um Dinge, die wir für uns behalten. Als wäre es etwas Ansteckendes. Deine blauen Augen schauen mich immer ein wenig zu lange an.
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